Kategorije
Andere Geschichten ZEIT FüR GESCHICHTEN

Zehn Gebote für starke Frauen

Du sollst Grenzen setzen

Zunächst ein kleiner Test:

Nehmen Sie ein Blatt Papier, und teilen Sie die Seite in Zwei Spalten. Schreiben Sie oben auf die Seite den Namen einer Person, für die Sie in jüngster Zeit sehr viel getan haben.

In die linke Spalte tragen Sie genau ein, was Sie für diese Person geleistet haben-freiwillig odera auf Anforderunung. Hinter jeder Tat vermerken Sie mit einem F ob Sie Ihre Unterstützung gerne und mit Freunde gewährt haben: mit einem W markieren Sie alle jene guten Taten, die von einem inneren Widerstand begleitet waren.

Danach wenden Sie sich der rechten Spalte zu. Hier notieren Sie, was die betreffende Person umgekehrt für Sie getan hat. Wenn es mehrere Menschen in Ihrer näheren Umgebung gibt, für die Sie häufig Seelentrösterin und Unterstützerin sind, legen Sie auch für diese eine Pro – und – Contra – Liste an. Nun prüfen Sie, wie ausgewogen Ihre Liste(n) ausgefalen ist (sind).

Natürlich geht es nicht darum, daß auf jede gute Tat von Ihnen eine gute des anderen folgen muß. In zwischenmenschlichen Beziehungen kann es niemals eine 50:50 Ausgewogenheit geben. Und selbstverständlich wird die Liste unausgewogen sein, wenn es um kleine Kinder, behinderte oder kranke oder sehr alte Menschen geht. Hellhörig sollten Sie jedoch werden, wenn Sie bei ganz normalen Personen sehr viel mehr Eintragungen in der linken Spalte als in der rechten Spalte zählen und wenn das W häuftiger auftaucht als das F.

Ist das der Fall, ist das Gleichgewicht zwischen linker und rechter Spalte deutlich zu Ihren Ungunsten verschoben, dann sind Sie mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mensch, der nicht nein sagen kann. Jederzeit haben Sie ein offenes Ohr für andere Menschen und ihre Sorgen. Wann immer jemand in der Klemme steckt, wendet er sich an Sie. In Ihrer Partnerschaft oder in der Familie sind Sie der gute Geist. Was täten die anderen nur ohne Sie?

Manchmal wundern Sie sich selbst über die Ansammlung Hilfsbedürftiger in Ihrem Leben: Wo kommen die nur her? Warum bleiben Problemfälle immer an Ihnen hängen? Und immer öfter fragen Sie sich, warum es umgekehrt so wenige Menschen gibt, die etwas für Sie tun, denen Sie mal zur Abwechslung Ihr Herz ausschütten können.

Wenn Sie eine Diskrepanz entdecken zwischen dem, was andere von Ihnen nehmen, und dem, was sie Ihnen geben, dann haben Sie ganz offensichtlich ein Problem: ein Problem mit Ihren persönlichen Grenzen. Diese sind so weit offen, so ungeschützt, daß es – um im Bild zu bleiben – ständig zu Grenzverletzungen kommt. Den Grund für Ihre Offenheit kennen Sie wahrscheinlichlängst: Sie wollen geliebt werden, bei anderen gut dastehen. Sie erhoffen sich Anerkennung und Dank. Sie wollen, daß die Mitmenschen positiv von Ihnen denken, daß sie sagen Was ist sie doch für ein netter Mensch. Sie hoffen, daß sie – wenn Sie tun, was sie von Ihnen erwarten – Ihnen keinen Ärger machen, daß Sie Ihnen nicht ihre Zuwendung entziehen, keine Schuldgefühle verursachen. Sie glauben, daß Sie sich mit Ihrer Nettigkeit ein glückliches Leben mit anderen erkaufen können.

Daß diese Annahme ein Irrtum ist, wissen Sie im Grunde längst. Aber welche Konsequenz ziehen Sie daraus? Noch immer sagen Sie zu vielen und zu vielem ja und amen, weil es die Sache nicht wert ist, daswegen ein Faß aufzumachen, Oder ist Ihnen villeicht ein anderer Spruch vertrauter? Tun Sie viele Dinge um des lieben Friedens willen? Gleichgültig, wie Sie es nennen: Ihre Nettigkeit schadet Ihnen. Oberflächlich gesehen leben Sie mit Ihren Mitmenschen in Frieden. Für sie sind Sie ja auch eine Wohltat. Sie ersparen ihnen unangenehme Ausseinandersetzungen, er leichtern ihnen ihren Alltag und bieten ihnen eine Schulter, an der sie sich ausweinen können.

Den anderen geht es gut mit Ihnen, aber wie geht es Ihnen selbst? Weniger gut, wenn Sie ehrlich sind. Sind Sie nicht häufig innerlich wütend und aggressiv, weil Sie sich ausgenutzt fühlen? Sind Sie nicht immer wieder enttäuscht, weil andere so wenig Interesse an Ihnen und Ihren Bedürfnissen zeigen? Sind Sie nicht gestreßt, weil Ihnen zu wenig Zeit für Sie selbst bleibt? Und schlimmer noch: Kommen Sie sich nicht immer häufiger dumm vor, weil nur Sie es sind, die gibt, und alle die anderen ungeschoren davonkommen? Aber diese negativen Gefühle lassen Sie nicht wirklich hochkommen. Sie haben so schon genug Schuldgefühle, wenn Sie spüren, daß Sie die Erwartungen der anderen nicht uneingeschränkt erfüllen wollen.

Frauen sind ganz besonderes gefährdet, zur Seelentrösterin oder zum Müllabladeplatz für die Sorgen anderer zu werden.

Schon kleine Mädchen sind hilfsbereitet als Jungen, wie verschiedene Studien zeigen. Auf Bilder oder Erzählungen mit positivem oder negativem Inhalt reagieren Mädchen einfühlsamer als Jungen: Jungen sind weniger bereit, mit anderen zu teile, und Mädchen im Grundschulalter kümmern sich mehr um kranke Mitschüler als Jungen. Hilfsbereitschaft zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Frauen; Deutlich mehr Frauen als Männer engagieren sich ehrenamtliche, Berufe im Sozial und Gesundheitsbereich werden zu 85 Prozent von Frauen gewählt, und es sind fast ausschließlich Frauen, die Familienmitgliedern oder Freunden soziale Unterstützung gewähren.

In allen Helfer – Untersuchungen so berichten die Sozialwissenschaftler Frank Nestmann und Christiane Schmerl, rangieren Frauen als alltägliche Unterstützerinnen vor den Männern, und zwar unabhängig von Alter oder speziellem Netzwerk. Sie leisten durchgehend mehr Hilfe als Männer, und zwar sowohl in Familien und weiterer Verwandtschaft als auch in Nachbarschaft und Gemeinde, im Freundeskreis und unter Kollegen und Kolleginnen. Diese Situation birgt für Frauen die Gefahr der Überforderung.

Wer ständig ein offenes Ohr für andere hat, stellt zwangsläufig seine eignen Bedürfnisse zurück und fühlt sich irgindwann ausgebrannt und ausgenutzt. Für das Selbstwertgefühl ist allzu großes Samaritertum Gift. Denn natürlich spüren die immer netten Menschen, daß sie eigentlich gar nicht so nett sind. Das verunsichert. Und tief im Inneren spüren sie auch, daß die anderen, für die sie doch so viel tun, sie nicht wirklich respektieren.

Eher scheint das Gegenteil der Fall: Weniger nette Menschen werden mehr geachtet, bekommen mehr Aufmersamkeit. Für ein starkes Selbstwertgefühl ist es notwendig, daß es Grenzen gibt: zwischen mir und dir, zwischen meinen Bedürfnissen und deinen Bedürfnissen. Wenn Ihre Granzen allzu offen sind, laufen Sie Gefahr, von Ihren Mitmenschen überrannt zu werden und sich selbst zu verlieren.

Selbstwertstarken Menschen fällt es nicht schwer, nein zu sagen: selbstwertschwache dagegen sagen viel zu oft und häufig gegen ihren eigentlichen Willen ja. Wann immer Sie also merken, daß Ihre Hilfe und Unterstützung nicht wirklich von Herzen kommt, sondern Sie nur daswegen für eine andere Person da sind, weil diese möglicherweise verärgert oder sonstwie negativ reagieren könnte, sollten Sie lernen, das Wort nein häuftiger zu benutzen. Leichter gesagt als getan? Das ist richtig.

Schließlich haben Sie Ihr Verhalten in vielen Jahren, möglicherweise Jahrzehnten eingeüb. Auf die schnelle wird es nicht zu verändern sein. Aber Schritt für Schritt. Fangen Sie an, sich gegen kleine Zumutungen zur Wehr zu setzen. Beispiel: Jemand drängelt sich an der Supermarktkasse vor. Normalerweise würden Sie schweigen, Sie haben es ja nicht Eilig, und mekkern liegt Ihnen nicht. Aber damit verpassen Sie eine gute Übung. Wenn Sie höflich, aber bestimmt Ihr Recht fordern – Würden Sie sich bitte hinten ansellen – werden Sie die Erfahrung machen, wie gut es tut, sich nicht übergangen, sondern respektiert zu fühlen. Sobald Sie in solchen kleinen Alltagssituationen im Nein-sagen sicherer werden, finden Sie auch den Mut, sich gegen größere Zumutungen zur Wehr zu setzen.

Legen Sie sich für den Anfang ein paar hilfreiche Sätze zurecht, wie zum Beispiel: Ich kann mir vorstellen, wie unangenehm die Situation für dich/Sie ist. Aber ich sehe mich wirklich nicht in der Lage, dir/Ihnen in dieser Angelegenheit zu helfen. Oder: Nein, heute kann ich beim besten Willen nicht. Ich habe etwas für mich sehr Wichtiges vor. Oder: Ich glaube wir beide müssen im Moment damit leben, daß ich diese Angelegenheit grundsätzlich anderes einschätze, als du es tust.

Und wenn der andere schon Tatsachen geschaffen hat, mir denen Sie aber überhaubt nicht einverstanden sind, fressen Sie Ihren Ärger nicht in sich hinein, weil ohnehin nichts mehr zu änderen ist, sondern machen Sie Ihren Standpunkt klar: Diesmal hast du mich übergängen. Das nächste Mal möchte ich bitte gefragt werden.

Seien Sie darauf vorbereitet, daß es Konflikte geben wird. Die anderen werden Sie möglicherweise als egoistisch oder ablehnend bezeichnen. Das ist völlig normal und gehört zu Ihnen Wandlungsproceß von der Ja Sagerin zur Nein Sagerin. Handelt es sich um Wirkliche Freundschaften und ernsthafte Beziehungen, dann wird Ihre Umwelt mit der Zeit erkennen, daß Sie Immer noch ein verlässlicher Mensch sind, auch wenn Sie Ihre eignen Bedürfnisse nicht mehr länger verleugnen.

Alle anderen, die Ihre neuen Grenzen nicht akzeptieren können, outen sich damit als Schmarotzet. Um die ist es, das werden Sie mit der Zeit erkennen, nicht schade.

Wenn Sie Ihr Selbstwertgefühl schützen und stärken wollen, müssen Sie Grenzen ziehen. Sie müssen erkennen, wer Sie nur ausnutzt und bei wem die Balance zwischen Geben und Nehmen ausgeglichen ist. Zu einem starken Selbst gehört auch, daß man es aushalten kann, nicht von allen Menschen geliebt zu werden. Allen kann man es nicht recht machen, dieser Satz ist für selbstwertstarke Menschen eine Selbstverständlichkeit. Sie sollten ihn sich hinter den Spiegel stecken. Mit der Zeit werden Sie merken, daß es nicht nur wunderbar auszuhalten ist, wenn einige Menschen Ihr neues Selbstbewußtsein und Ihre neuen Grenzen nicht akzeptieren wollen, sondern daß auch der Gewinn für Ihr Wohlbefinden enorm ist.

Autor: Ursula Nuber

Copyright 1999 by Scherz Verlag, Bern, München,